, Sarah Gaffuri

Seit 72 Jahren jede Woche singen

Der 91-jährige Gottlieb Wildhaber trat 1936 in den Männerchor ein und ist bis heute dabei. Am Eidgenössischen Gesangsfest konnten die Sängerkollegen seine Erfahrung gut gebrauchen.

Seit 72 Jahren jede Woche singen

Der 91-jährige Gottlieb Wildhaber trat 1936 in den Männerchor ein und ist bis heute dabei. Am Eidgenössischen Gesangsfest konnten die Sängerkollegen seine Erfahrung gut gebrauchen.

Sarah Gaffuri

Zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte nahm der Männerchor St. Gallenkappel-Goldingen an einem Eidgenössischen Gesangsfest teil. Unter der Leitung von Xiaoli Schwarz holte der Chor am letzten Wochenende die zweitbeste Note, ein «sehr gut».

Dabei durften sich die Sänger auf einen äusserst erfahrenen Kollegen verlassen: Gottlieb Wildhaber aus Goldingen. Er trat 1936 in den Männerchor ein und singt somit schon über 72 Jahre als aktives Vereinsmitglied. Das macht ihn zur Seltenheit: Viele ältere Sänger wechseln in den Veteranenchor. Doch Gottlieb Wildhaber macht das harte Programm des regulären Chors weiter mit.

Mit dem Chor nach Teneriffa

Auch an sämtlichen Chorausflügen ist der Sänger dabei. Ein besonderes Erlebnis war die Reise nach Teneriffa vor sechs Jahren. «Das waren meine erste Reise mit dem Flugzeug und mein erstes Bad im Meer», sagt Gottlieb Wildhaber. «Es war grossartig.» Vorher habe er noch ein wenig «geübt», lacht der 90Jährige verschmitzt. «Ich habe im Chor einen Segelrundflug gewonnen. Vor der Reise nach Teneriffa habe ich den Gutschein eingelöst. Dass man die kleinen Wege durch die Wälder und alle Details so genau von oben sieht, hätte ich nie gedacht.» Nicht geändert in all den Jahren habe sich die schöne Kameradschaft. «Die ist wunderbar in unserem Chor», schwärmt er. Doch in anderen BereiChen hat Gottlieb Wildhaber den Wechsel der Zeit stark miterlebt. «Früher, so in den Dreissiger- und Vierzigerjahren, konnten wir im Chor kaum grössere Ausflüge unternehmen», erinnert er sich. «Es gab ja auch nur zwei Autos im Dorf. Und finanziell war das damals eine ganz andere Angelegenheit. Wenn man einen Fünfliber im Sack hatte, meinte man schon, was man da habe.» Dafür hätte man so auch immer viele Junge im Chor gehabt. Heute finde man halt einfach und schnell Alternativen für die Freizeit. Unter den vielen Angeboten leide der Chor, der nur wenig Nachwuchs finde.

Einmal gelernt, nie vergessen

Gottlieb Wildhaber war 19 Jahre alt, als er Chorsänger wurde. Erst sang er als Erster Tenor, «aber nur ein Jahr oder so, ich kam nicht so weit rauf». Dann wechselte er in den Zweiten Tenor. «Das ist zwar eine schwierige Stimme, aber  damit habe ich mich gut abgefunden.» Abgefunden hat er sich auch mit den englischen Liedern, die er eigentlich nicht so gerne singt, auch wenn er das sehr diplomatisch ausdrückt. «Wir hatten in der Schule ja kein Englisch», erklärt er. Die neuen <<Songs» singt er trotzdem mit. Lieber sind ihm aber Lieder wie das Wettbewerbsstück «Die Mühle im Schwarzwald». Dieses hat Gottlieb Wildhaber schon einmal gelernt - vor 40 Jahren. Deshalb hätten ihn die Sängerkameraden immer etwas bremsen müssen, weil er so inbrünstig gesungen habe: «Wenn ich etwas einmal kann, dann vergesse ich es nicht mehr.» Fünf verschiedenen Dirigenten hat Gottlieb Wildhaber gehorcht, einem sogar 30 Jahre lang. Nun singt er unter Xiaoli Schwarz. Die chinesischstämmige Dirigentin habe den Chor gut im Griff, lobt er, und sie sei eine «Gmögige», die gerne lache.

Theater, singen, jassen

Früher spielte Gottlieb Wildhaber auch Theater - «als ich jung war, so bis 50». Ein bekannter Schauspieler sei er gewesen im Goldingertal, meist habe er die Hauptrolle gespielt. Aber auch mit Karten wusste er umzugehen: Nach jeder Probe wurde ein Jass geklopft. Das speziell eingerichtete Jasskässeli war beim Zusammenschluss mit St. Gallenkappel so voll, dass es für jeden einen ordentlichen Batzen gab. «Für mich war es nie eine Frage, ob ich auch mit den Chappelern weitersinge. Der Probentag, das war einfach unser Tag.» Also findet sich Gottlieb Wildhaber jede Woche erneut zur Probe ein, früher am Dienstag, heute am Montag, seit 72 Jahren. Und so will ers auch weiter halten.